von Dr. Birgit Ebbert
Erinnern Sie sich noch an das Kasperle-Theater, das Sie als Kind gefesselt hat?
Kaum näherte sich das Krokodil gefräßig dem Kasperl, schrien wir zusammen mit
den anderen Kinder "Vorsicht!", ohne das jemand uns aufgefordert hätte. Wir
wussten genau, dass Kasperl eine Puppe war und dennoch haben wir uns mit ihm
identifiziert.
Solche Erlebnisse haben nichts von Ihrer Wirkkraft und Bedeutung verloren,
allerdings sind sie seltener geworden. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich,
dass eine Theatergruppe - ob Puppen- oder Menschentheater - im Kindergarten
oder in der Schule auftritt. Wenn Eltern sich nicht engagieren, kann es sein, dass
Kinder ohne diese Erfahrung aufwachsen.
Theater als ganzheitliches Erlebnis
Heute sieht man Filme und spielt Computerspiele. Und doch ist das Theatererlebnis
ganz anders. Hier erleben Kinder, wie Menschen ihre Rolle mit dem ganzen Körper,
mit der Stimme, mit dem Gesicht verkörpern.
Sie können Widersprüche zwischen schmeichelnder Stimme und bösem
Heranschleichen erkennen.
Im Puppentheater erfahren sie, wie Angst oder Freude mit Gesten und
Bewegungen gezeigt werden.
Im Theater sehen Kinder das ganze Geschehen gleichzeitig und müssen selbst die
Aufmerksamkeit auf die interessanten Aspekte lenken. Es ist keine Kamera da, die
ihnen in Großaufnahme zeigt, was jetzt gerade wichtig ist. Lediglich das
gemeinschaftliche Seufzen oder befreite Lachen zeigt ihnen, wo es spannend ist und
wann die Spannung sich auflöst.
Auch das ist eine wichtige Erfahrung, einhundert, zweihundert oder dreihundert
Kinder fiebern gleichzeitig mit, halten sich vor Aufregung die Hände vor die Augen
oder klatschen mitten in der Szene vor Erleichterung. Wo erleben Kinder das vor
dem Fernseher, im Kino oder gar am Computer.
Theater fordert Aufmerksamkeit
Gute Theaterstücke für Kinder dauern meist nicht sehr lange oder es gibt mehrere
Pausen, denn im Theater ist die ganze Aufmerksamkeit der Kinder gefordert. Sie
müssen ständig entscheiden, welche Figur und welchen Teil der Kulisse sie
anschauen. Überall kann schließlich etwas passieren und oft kündigt sich ein
Ereignis durch Kleinigkeiten an, etwas wird auf die Bühne geschoben, eine Figur
schleicht heran oder stellt sich auf ihren Platz. All das ist im Film selten sichtbar oder
in Großaufnahme zu sehen, damit es dem Zuschauer auf keinen Fall entgeht.
Doch nicht genug damit, dass die Kinder das Bühnengeschehen im Blick behalten
müssen. Sie müssen auch noch das Flüstern hinter sich und das Rascheln im
Zuschauerraum ausblenden, um sich auf die Bühne zu konzentrieren. Das ist eine
Leistung, die selbst Erwachsenen nicht immer leicht fällt - und zugleich ein gutes
Training für den Unterricht.
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